Ein See, den man sich erwandert
Das Plešné jezero, auf Deutsch Plöckensteiner See, ist für uns eines der Ziele, die ihr im Böhmerwald wenigstens einmal erlebt haben solltet. Der Weg ist länger als bei vielen anderen Ausflügen rund um Lipno, doch genau das gehört zu seinem Reiz: Mit jedem Kilometer werden Straßen, Häuser und Alltagsgeräusche unwichtiger. Am Ende liegt auf 1.090 Metern ein dunkler Gletschersee vor euch, eingerahmt von Wald und der steilen Flanke des Plechý.
Dieser Familienausflug ist kein kurzer Spaziergang. Er passt zu Familien mit wanderfreudigen Kindern ab etwa acht Jahren und zu Freunden, die einen echten Tag in der Natur verbringen möchten. Wer früh startet, ausreichend Proviant einpackt und sich nicht hetzt, bekommt dafür einen der eindrucksvollsten Ausflüge in der gesamten Lipno-Region.
Die bewährte Route ab Nová Pec-Láz
Als unkomplizierten Ausgangspunkt empfehlen wir den oberen Wanderparkplatz bei Láz oberhalb von Nová Pec. Von dort folgt ihr der grünen Markierung rund 6,4 Kilometer bis zum See. Hin und zurück kommen damit knapp 13 Kilometer zusammen. Rechnet mit ungefähr 400 Höhenmetern und, mit Pausen am Wasser, mit fünf bis sechs Stunden reiner Ausflugszeit. Zusammen mit der Anfahrt und einer längeren Rast passt die Angabe von sechs bis neun Stunden gut.
Der Weg steigt meist gleichmäßig durch den Wald an. Technisch schwierig ist er nicht, aber die Länge merkt ihr – besonders auf dem Rückweg. Unterwegs begegnet ihr Abschnitten des Schwarzenbergschen Schwemmkanals, einem außergewöhnlichen technischen Denkmal aus dem späten 18. Jahrhundert. Über dieses fein geplante Kanalsystem wurde Holz vom Böhmerwald bis zur Donau und weiter nach Wien transportiert. Für Kinder ist die Vorstellung spannend, dass hier früher Stämme durch den Wald „schwammen“, wo heute Wanderer und Radfahrer unterwegs sind.
Kurz vor dem Ziel verändert sich die Landschaft. Große Granitblöcke des Steinernen Meeres liegen zwischen den Bäumen, die Luft wird merklich kühler und der Weg bekommt einen deutlich alpinen Charakter. Dann öffnet sich der Wald und ihr steht überraschend direkt am Ufer. Diesen ersten Blick sollte man nicht vorwegnehmen – er ist der Moment, für den sich der lange Anstieg lohnt.
Am Ufer unter dem Plechý
Das Plešné jezero ist ein Relikt der Eiszeit und der südlichste Gletschersee des Böhmerwaldes. Über dem Wasser erhebt sich die fast 300 Meter hohe Karwand unterhalb des Plechý, des höchsten Gipfels im tschechischen Teil der Šumava. Das dunkle Wasser spiegelt den Hang und die Wolken; je nach Wetter wirkt der See freundlich, geheimnisvoll oder beinahe nordisch.
Der Wald rund um den See sieht heute anders aus als auf alten Postkarten. Borkenkäfer, Stürme und natürliche Waldentwicklung haben viele frühere Fichtenbestände verändert. Zwischen abgestorbenen Stämmen wächst jedoch bereits eine neue Waldgeneration. Gerade hier versteht ihr sehr gut, warum ein Nationalpark manche Flächen nicht „aufräumt“, sondern der Natur Zeit lässt. Der Anblick ist ungewohnt, aber keineswegs leblos.
Am Ufer findet ihr Plätze für eine Rast, doch keine klassische Ausflugsgastronomie. Packt Brotzeit, genügend Wasser und etwas Süßes für den Rückweg ein. Baden und das Betreten geschützter Uferbereiche gehören an diesem empfindlichen Bergsee nicht zum Ausflug. Bleibt auf den markierten Wegen und nehmt selbstverständlich alles wieder mit zurück.
Zum Stifter-Denkmal oder lieber am See bleiben?
Oberhalb des Sees steht auf einem Felsvorsprung der 14,5 Meter hohe Obelisk für Adalbert Stifter, den Dichter des Böhmerwaldes. Der Aufstieg dorthin ist steiler und deutlich anstrengender als der bisherige Weg. Ihr gewinnt zusätzliche Höhenmeter und braucht feste Schuhe sowie sichere Trittsicherheit. Dafür blickt ihr von oben auf den See – der berühmte Anblick, der oft als „Auge Gottes“ bezeichnet wird.
Mit fitten älteren Kindern und stabilem Wetter ist diese Erweiterung großartig. Mit jüngeren Kindern oder müden Beinen würden wir sie auslassen. Der See allein ist ein vollständiges Ziel, kein Trostpreis. Wer außerdem noch auf den Gipfel des Plechý weitergeht, macht aus dem Ausflug eine anspruchsvolle Bergtour; diesem Gipfel widmen wir deshalb einen eigenen Tourentipp.
Was Familien vorher wissen sollten
Auch wenn ein Teil der Zufahrt breit und stellenweise fahrradtauglich ist, empfehlen wir für diese Wanderung keinen Kinderwagen. Länge, Steigung und einzelne gröbere Passagen machen eine Trage für kleine Kinder sinnvoller. Für Vorschulkinder ist die komplette Strecke in der Regel zu lang. Wandererfahrene Schulkinder schaffen sie gut, wenn ihr genügend kleine Pausen einplant und nicht erst mittags losgeht.
Hunde dürfen mit, müssen im Nationalpark aber zuverlässig an kurzer Leine bleiben. Das schützt Wildtiere und verhindert Begegnungen abseits des Weges. Denkt außerdem an ausreichend Wasser für den Hund; das Wasser des Sees sollte nicht als Trinkstelle eingeplant werden.
Direkt am See gibt es weder verlässlich geöffnete Toiletten noch einen Laden. Nutzt die Infrastruktur in Nová Pec und startet mit gefüllten Flaschen. Gute Wanderschuhe sind wichtiger als besondere Bergausrüstung. Dazu gehören Regenjacke, eine warme Schicht und im Sommer Sonnen- sowie Insektenschutz. Auf 1.090 Metern kann es selbst dann kühl und windig sein, wenn am Lipno-Stausee Badewetter herrscht.
Die beste Zeit für den Plöckensteiner See
Am schönsten ist die Tour von spätem Frühling bis Herbst, sobald die Wege schnee- und eisfrei sind. Im Mai kann in schattigen Lagen noch Altschnee liegen; nach langen Regenfällen sind Steine und Wurzeln rutschig. Für die Erweiterung zum Stifter-Denkmal solltet ihr einen trockenen Tag mit guter Sicht wählen. Bei Gewitterneigung bleibt ihr besser im Tal oder sucht euch einen kürzeren Ausflug.
Im Hochsommer lohnt sich ein früher Start doppelt: Der Parkplatz ist leerer, der Wald am Morgen angenehm kühl und am See erlebt ihr häufiger ruhige Minuten. Im Herbst sind die klaren Tage besonders schön, allerdings wird es früh dunkel. Prüft vor der Abfahrt aktuelle Hinweise des Nationalparks Šumava, denn in einem Schutzgebiet können Wege wegen Naturschutz, Wetter oder Forstarbeiten zeitweise anders geführt werden.
Unser Fazit: ein Höhepunkt eures Lipno-Urlaubs
Für uns gehört die Wanderung zum Plešné jezero zu den schönsten Touren rund um den Lipno-Stausee. Sie verbindet eine gut nachvollziehbare Route mit echter Wildnis, Technikgeschichte und einer Berglandschaft, die in Südböhmen ihresgleichen sucht. Der See wirkt gerade deshalb so stark, weil kein Auto und keine Seilbahn bis ans Ufer führt.
Plant den Tag großzügig, nehmt gutes Essen mit und lasst den Kindern Zeit für das Steinerne Meer und die kleinen Entdeckungen unterwegs. Wenn ihr am Nachmittag wieder nach Nová Pec hinuntergeht, werdet ihr müde sein – aber sehr wahrscheinlich mit dem Gefühl, einen der besonderen Orte der Šumava wirklich erlebt zu haben. Diesen Ausflug würden wir aktiven Familien und Freunden ohne Zögern empfehlen.