Der große Bergtag über dem Lipno-See
Der Plechý, auf Deutsch Plöckenstein, ist mit 1.378 Metern der höchste Berg im tschechischen Teil des Böhmerwaldes. Von Lipno aus wirkt er nicht wie ein dramatischer Alpengipfel. Seine wahre Größe erlebt ihr erst unterwegs: auf langen Waldwegen, am dunklen Plešné jezero, an der steilen Karwand und schließlich oben auf dem Grenzkamm zwischen Tschechien und Österreich.
Für uns gehört diese Tour zu den eindrucksvollsten Unternehmungen rund um den Lipno-Stausee. Sie ist allerdings kein spontaner Nachmittagsspaziergang. Ihr braucht einen ganzen Tag, Kondition, feste Schuhe und stabiles Wetter. Familien empfehlen wir sie mit wandererfahrenen Jugendlichen ab etwa zwölf Jahren. Für eine sportliche Gruppe von Freunden ist sie ein wunderbarer gemeinsamer Bergtag.
Eine Runde mit rund 20 Kilometern
Die klassische tschechische Runde beginnt am oberen Wanderparkplatz bei Nová Pec-Láz. Von dort folgt ihr zunächst den markierten Wegen über Říjiště und das Steinerne Meer zum Plešné jezero. Der See liegt auf 1.090 Metern und ist der natürliche erste Höhepunkt. Bis hierher steigt der Weg gleichmäßig an; die eigentliche Bergtour beginnt am Ufer.
Für die komplette Runde über den Gipfel kommen je nach genauer Variante etwa 19 bis 21 Kilometer und ungefähr 750 bis 850 Höhenmeter zusammen. Plant sechs bis acht Stunden Gehzeit ein. Mit Anfahrt, Fotopausen und einer ausgiebigen Rast seid ihr sieben bis zehn Stunden unterwegs. Startet deshalb morgens und legt im Herbst eine Stirnlampe in den Rucksack.
Vom See führt die gelbe Markierung steil zur Karwand hinauf. Wurzeln, Granitsteine und feuchte Abschnitte verlangen Aufmerksamkeit. Wanderstöcke sind beim Aufstieg und später beim Abstieg hilfreich. Sobald ihr höher kommt, öffnet sich der Blick zurück zum See – ein starker Kontrast zwischen dunklem Wasser, hellem Granit und dem jungen Wald.
Stifters Blick auf das „Auge Gottes“
Auf einem Felsvorsprung rund 200 Meter über dem See steht der 14,5 Meter hohe Obelisk für Adalbert Stifter. Der Schriftsteller, Maler und Pädagoge wurde im nahen Horní Planá geboren und hat die Landschaft des Böhmerwaldes wie kaum ein anderer beschrieben. Sein Denkmal entstand 1876 und 1877 aus Granitblöcken der Umgebung.
Der Platz ist nicht nur historisch interessant, sondern einer der schönsten Aussichtspunkte der Šumava. Unter euch liegt das Plešné jezero wie ein dunkles Auge im Wald; bei klarer Sicht reicht der Blick weit über Südböhmen. Hier lohnt sich die längere Pause mehr als direkt am bewaldeten Gipfel. Kinder und Jugendliche sollten an der Felskante unbedingt dicht bei den Erwachsenen bleiben.
Über den Grenzkamm zum Gipfel
Vom Stifter-Denkmal steigt ihr weiter durch eine raue Hochlagenlandschaft. Abgestorbene Baumstämme erinnern an Stürme und Borkenkäferjahre, dazwischen wächst bereits ein vielfältiger neuer Bergwald. Der Nationalpark lässt diese Entwicklung weitgehend natürlich ablaufen. Was auf den ersten Blick kahl erscheint, ist in Wirklichkeit voller Leben und zeigt den Wald in einer selten sichtbaren Übergangsphase.
Der Gipfel des Plechý liegt direkt auf der tschechisch-österreichischen Grenze. Ein Gipfelstein, Grenzmarkierungen und ein schlichtes Kreuz kennzeichnen den höchsten Punkt. Die große Fernsicht ist wegen Bäumen und Felsen nicht von jeder Stelle frei; der Reiz liegt eher im Gefühl, den langen Aufstieg geschafft zu haben und mitten auf dem Grenzkamm zu stehen.
Für den Rückweg bietet sich eine Rundvariante über den Grenzweg und die Rakouská cesta zurück nach Nová Pec an. Sie verhindert, dass ihr den steilen Abschnitt am Stifter-Denkmal wieder hinuntersteigen müsst. Die genaue Führung solltet ihr vorab auf einer aktuellen Wanderkarte prüfen, denn im Nationalpark können einzelne Wege saisonal eingeschränkt oder wegen umgestürzter Bäume vorübergehend umgeleitet sein. Verlasst die markierten Routen nicht.
Warum diese Tour mehr ist als ein Gipfel
Der Plechý wäre schon wegen seiner Höhe ein attraktives Ziel. Besonders wird die Wanderung aber durch ihre Abfolge: der historische Schwarzenbergsche Schwemmkanal im unteren Bereich, das Granitblockfeld des Steinernen Meeres, der eiszeitliche See, Stifters Aussicht und die stille Hochfläche an der Grenze. Jeder Abschnitt hat einen eigenen Charakter.
Der Schwemmkanal wurde ab 1789 nach Plänen von Josef Rosenauer gebaut. Über ihn gelangte Brennholz aus den schwer zugänglichen Wäldern zur Großen Mühl und weiter über die Donau bis Wien. Wenn ihr heute die Höhenmeter zu Fuß zurücklegt, versteht ihr erst, welche technische Leistung dieses System in einer Landschaft ohne moderne Straßen war.
Mit Jugendlichen und Hund unterwegs
Für kleine Kinder und Kinderwagen ist die Runde nicht geeignet. Auch sportliche Jugendliche sollten bereits Erfahrung mit längeren Wanderungen haben. Teilt die Kräfte gut ein: Wer am See schon erschöpft ist, dreht dort besser um. Der Weg zum Plešné jezero ist allein ein sehr lohnendes Ziel und kein Scheitern.
Hunde dürfen mit, müssen im Nationalpark jedoch an kurzer Leine geführt werden. Auf steinigen Passagen sollte der Hund trittsicher sein. Packt ausreichend Wasser und Futter ein; unterwegs gibt es keine verlässliche Versorgung und das geschützte Seewasser ist keine geplante Trinkstelle.
Am Berg findet ihr keine Hütte, keine Toilette und keinen Kiosk. Alles, was ihr für den Tag braucht, gehört in den Rucksack: mindestens zwei Liter Getränk pro Person, energiereiche Brotzeit, Regen- und Windschutz, eine warme Schicht, Erste-Hilfe-Set, geladene Telefone und eine Offlinekarte. Selbst im Hochsommer kann die Temperatur am Gipfel deutlich niedriger sein als unten am Lipno-See.
Wetter und beste Jahreszeit
Die Tour eignet sich vom späten Frühling bis zum Herbst, sobald Schnee und Eis verschwunden sind. Nach nassen Tagen werden Wurzeln und Granitplatten rutschig. Bei Nebel fehlt nicht nur die Aussicht; auch die Orientierung am Grenzkamm wird anspruchsvoller. Für angekündigte Gewitter ist der Plechý die falsche Wahl. Verschiebt die Wanderung lieber auf einen stabilen Tag.
Im Sommer startet ihr möglichst vor acht Uhr, um den Aufstieg in der kühleren Tageshälfte zu gehen. Der Herbst bietet oft klare Fernsicht und schöne Farben, aber kurze Tage. Prüft am Vorabend die Wettervorhersage und aktuelle Hinweise des Nationalparks Šumava. Grenzübertritte auf markierten Wegen sind problemlos möglich, trotzdem nehmen wir auf einer Tour entlang zweier Staaten immer Ausweispapiere mit.
Unser Fazit
Der Plechý ist eine Tour, an die ihr euch noch lange erinnert. Nicht wegen einer spektakulären Gipfelhütte oder künstlichen Attraktion, sondern weil ihr euch diesen Berg Schritt für Schritt erarbeitet. Der Blick vom Stifter-Denkmal auf den Plöckensteiner See gehört für uns zu den stärksten Naturbildern im Böhmerwald.
Wenn eure Gruppe gern wandert und einen ganzen Urlaubstag für die Berge reservieren möchte, würden wir diesen Ausflug ohne Zögern empfehlen. Geht früh los, nehmt die Wetterlage ernst und plant genug Zeit ein. Dann wird aus dem höchsten Punkt der tschechischen Šumava ein echtes Urlaubserlebnis – anstrengend, still und außergewöhnlich schön.