Eine Kapelle, die man sich erwandern muss
Die Stožecká kaple steht nicht an einer Straße und nicht mitten im Ort. Sie liegt auf etwa 950 Metern Höhe in einem stillen Waldhang über Stožec, umgeben von Felsen, Buchen und Fichten. Schon der Weg dorthin gehört deshalb zum Erlebnis. Wenn die dunkle Holzfassade schließlich zwischen den Bäumen auftaucht, wirkt die Kapelle fast wie ein Teil des Waldes.
Für uns gehört diese Wanderung zu den schönsten stillen Ausflügen im südlichen Böhmerwald. Sie verbindet eine gut überschaubare Tagestour mit einem ungewöhnlichen Bauwerk, einer alten Wallfahrtstradition und – außerhalb der saisonalen Schutzzeit – der Möglichkeit, zur Stožecká skála weiterzusteigen. Familien mit wanderfreudigen Kindern ab etwa acht Jahren schaffen die Runde gut; für kleinere Kinder ist sie wegen Länge, Steigung und Wurzelpfaden anspruchsvoll.
Start in Stožec
Ausgangspunkt ist Stožec, etwa 23 Kilometer vom Lipno-See entfernt. Parken Sie auf einem ausgewiesenen öffentlichen Parkplatz im Ort. Direkt am Informationszentrum des Nationalparks darf nur maximal eine Stunde geparkt werden, deshalb eignet sich dieser Platz nicht für die Wanderung. Alternativ reisen Sie mit dem Zug an; der Bahnhof liegt praktisch und macht den Ausflug auch ohne Auto unkompliziert.
Ein kurzer Besuch im Informationszentrum lohnt sich vor dem Start. Die Ausstellung erklärt Waldgesellschaften, Landschaftsgeschichte und auch das Schicksal der Kapelle. Von Mai bis Oktober ist das Zentrum 2026 dienstags bis sonntags von 8:30 bis 16 Uhr geöffnet, mit Mittagspause von 12 bis 12:30 Uhr. Fragen Sie dort nach dem aktuellen Zustand der Wege und möglichen Naturschutzsperrungen.
Über die Stožecká luka in den Wald
Von Stožec führt die markierte Route zunächst relativ angenehm durch das Tal und über die Stožecká luka. Diese offenen Wiesen bilden einen schönen Kontrast zu den späteren Waldabschnitten. Der Weg steigt zuerst nur sanft an. Je näher Sie dem Kapellenhang kommen, desto deutlicher wird die Steigung.
Der letzte Abschnitt zur Kapelle ist ein etwa 800 Meter langer Waldpfad. Hier liegen Wurzeln, Steine und nach Regen schlammige Stellen. Ein Kinderwagen kommt nicht durch, und auch Fahrräder müssen unten bleiben. Mit kleinen Kindern ist eine Trage erforderlich. Gute Wanderschuhe sind wichtiger als besondere Kondition.
Für Hinweg, Kapelle und Rückweg rechnen Sie mit ungefähr neun Kilometern und rund 270 Höhenmetern. Die Nationalparkverwaltung stuft eine geführte Wanderung auf dieser Route als mittelschwer ein. Mit Pausen, Besichtigung und Anfahrt ergibt sich ein Ausflug von fünf bis sieben Stunden.
Die erste Begegnung mit der Kapelle
Die Stožecká kaple ist vollständig aus dunklem Holz gebaut. Ein schlanker Glockenturm, geschnitzte Zierleisten und der kleine Vorbau geben ihr eine feine, fast märchenhafte Gestalt. Gleichzeitig wirkt sie nicht dekorativ aufgesetzt: Feuchtigkeit, Moos, Felsblöcke und die hohen Bäume gehören unmittelbar zum Ort.
Nehmen Sie sich Zeit, einmal um die Kapelle herumzugehen. Je nach Licht verändert sich ihre Wirkung. Am Morgen liegt sie oft kühl im Schatten, im Herbst leuchten gelbe Blätter hinter der dunklen Fassade. Die Kapelle ist nicht immer geöffnet; rechnen Sie deshalb nicht mit einer Innenbesichtigung. Auch von außen ist das Ziel vollständig erlebbar.
Quelle, Heilung und Wallfahrt
Die Geschichte beginnt mit einer Quelle, deren Wasser traditionell eine heilende Wirkung auf die Augen zugeschrieben wurde. Der Schmied Jakub Klauser aus Volary soll nach einer wundersamen Heilung seiner Sehkraft 1791 aus Dankbarkeit die erste Kapelle errichtet haben. Bereits 1804 wurde sie vergrößert und später mehrfach verändert.
Zusammen mit einem verehrten Marienbild machte die Quelle den Ort zu einem bedeutenden Wallfahrtsziel für Menschen aus Böhmen und dem nahen Bayern. Am Fest Mariä Himmelfahrt im Jahr 1920 sollen etwa 5.600 Pilger zu den Gottesdiensten gekommen sein. Wenn Sie heute in der Ruhe vor der Kapelle stehen, ist diese Zahl kaum vorstellbar – gerade deshalb erzählt sie viel über die frühere Bedeutung des Ortes.
Die Quelle fließt bis heute. Ob Sie das Wasser trinken möchten, entscheiden Sie selbst; eine laufende amtliche Qualitätskontrolle dürfen Sie nicht voraussetzen. Für die Wanderung bringen Sie eigenes Trinkwasser mit.
Verfall und Wiederaufbau
Während der kommunistischen Zeit lag die Kapelle im schwierigen Grenzraum und verfiel unter den harten Witterungsbedingungen fast vollständig. Ende der 1980er Jahre wurde sie auf Initiative von Jan Kocourek aus Prachatice wiederaufgebaut. Die feierliche Eröffnung fand 1988 statt, die erneute Weihe folgte 1990 durch den späteren Kardinal Miloslav Vlk.
Diese Wiederherstellung erklärt, warum das Gebäude heute so geschlossen und gepflegt wirkt, obwohl seine Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Eine originalgetreue Kopie der Kapelle steht seit 1985 im bayerischen Philippsreut. Auch sie erinnert daran, dass die Wallfahrt immer beide Seiten der Grenze verbunden hat.
Weiter zur Stožecká skála?
Oberhalb der Kapelle liegt die Stožecká skála. Der kurze Weiterweg ist steiler und deutlich felsiger als die bisherige Route, belohnt bei gutem Wetter aber mit einem weiten Blick über das Stožecko. Dieser Abschnitt eignet sich nur für trittsichere Wanderer und ältere Kinder.
Wichtig ist die saisonale Sperrung zum Schutz des Wanderfalken: Der Zugang zur Felszone ist normalerweise vom 1. März bis 15. Juli geschlossen. Die Kapelle selbst bleibt über den markierten Weg erreichbar. Halten Sie sich unbedingt an aktuelle Schilder; Naturschutzregeln können je nach Brutverlauf angepasst werden. Seit dem 16. Juli ist der Felsweg gewöhnlich wieder offen, doch eine Kontrolle vor Ort bleibt sinnvoll.
Praktische Hinweise für Familien
Nehmen Sie ausreichend Wasser, Brotzeit, Regenjacke und ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Direkt an der Kapelle gibt es weder Gastronomie noch Toilette. Im Ort finden Sie Restaurants und einen Lebensmittelladen, deren Öffnungszeiten saisonal wechseln. Für acht Personen reservieren Sie besser vorab.
Hunde können angeleint mitwandern. Im Nationalpark und besonders in der Nähe empfindlicher Brutgebiete bleiben sie konsequent auf dem markierten Weg. Bei starkem Regen, Sturm oder Gewitter verschieben Sie die Tour. Die letzten Waldmeter werden rutschig, und bei Wind besteht unter alten Bäumen ein zusätzliches Risiko.
Der Frühling nach Ende der Schneeschmelze, der Sommer und besonders der frühe Herbst sind die besten Zeiten. Während der Wallfahrt am ersten Sonntag nach dem 14. August ist der Ort lebhafter und atmosphärisch besonders, aber nicht still. Wer Ruhe sucht, wählt einen Werktag und startet am Vormittag.
Unser Fazit
Die Stožecká kaple ist weit mehr als ein hübsches Fotomotiv. Der Weg durch Wiesen und Wald, die Quelle, die grenzüberschreitende Wallfahrtstradition und die Geschichte des Wiederaufbaus geben dem Ort eine ungewöhnliche Tiefe. Diesen Ausflug würden wir wanderfreudigen Gästen ohne Zögern empfehlen. Mit schulpflichtigen Kindern ist er ein echtes Tageserlebnis; für Erwachsene und Freundesgruppen gehört er zu den stillsten und eindrucksvollsten Zielen im Böhmerwald rund um Lipno.